Der Exodus der Ärzte

von DIMITER MUFTIEFF

 

Die Arbeitsbedingungen in bulgarischen Krankenhäusern sind katastrophal. Korruption und Geldmangel bremsen vor allem junge Mediziner aus. Immer mehr Ärzte gehen deshalb nach Deutschland, wo sie gezielt angeworben werden.

 

Das staatliche Herz- und Gefäßzentrum in Sofia ist ein sozialistischer Betonklotz am Rand einer Plattenbausiedlung. Drinnen sitzen am Freitagnachmittag noch ein Dutzend Patienten vor dem Sprechzimmer von Anelia Peeva. Behandeln darf die 36-jährige Assistenzärztin heute nicht. Stattdessen ist sie von ihren Vorgesetzten mal wieder zum Bürodienst verdonnert worden. „Eigentlich müsste ich als Assistenzärztin lernen, die Patienten zu diagnostizieren und zu heilen“, erklärt sie. „Stattdessen sitze ich hier wie eine Sekretärin und schreibe Berichte.“

 

Schmiergelder verschwinden in der Kitteltasche

 

Das gehe schon seit zwei Jahren so, seitdem sie ihre Ausbildung an der Herzklinik begonnen hat, klagt Doktor Peeva. Die älteren Kollegen gäben ihr einfach keine Chance, etwas von ihnen zu lernen und praktische Erfahrungen zu sammeln. Nicht einmal einfache Untersuchungen dürfe sie machen, wie zum Beispiel ein EKG, erzählt sie. Grund dafür sei das Misstrauen ihrer Vorgesetzten, die in ihr und den anderen Assistenzärzten eine Bedrohung sähen. „Die alten Kader kassieren jeden Tag hunderte Lewa Schmiergeld von den Patienten. Dabei lassen sie sich natürlich ungern beobachten“, sagt die junge Ärztin.

 

Korruption gehört an bulgarischen Krankenhäusern zum Alltag. Ob umgerechnet 10 bis 50 Euro, die blitzschnell in der Kitteltasche verschwinden oder 1.000 Euro für eine komplizierte Behandlung: Wer nicht zahlt, muss lange warten, wird schlecht oder gar nicht behandelt.

 

Der Rettungswagen schafft nicht mal 60 Kilometer pro Stunde

 

Als Assistenzärztin verdient Anelia Peeva umgerechnet rund 200 Euro im Monat. Allein die Miete ihrer Einzimmerwohnung beträgt 160 Euro. Patienten für Geld zu erpressen, käme für sie dennoch nicht in Frage, sagt sie. Um sich über Wasser zu halten, hat sie einen zweiten Vollzeit-Job angenommen. Nachts und am Wochenende arbeitet sie als Notärztin im Rettungsdienst. Für die junge Ärztin eine enorme Belastung: „Ich muss blitzschnell reagieren und stets die richtigen Entscheidungen treffen, obwohl ich meist völlig übermüdet bin. Der Rettungswagen ist alt und schafft nicht einmal 60 Kilometer die Stunde. Wir haben kein Sauerstoffgerät und keinen Elektroschocker dabei. Manchmal bleibt uns nicht anderes übrig, als zu Gott zu beten und auf den Überlebenswillen der Patienten zu hoffen“, erzählt sie.

 

Seit ein paar Monaten lernt Doktor Peeva Deutsch. Sie träumt davon, eines Tages in Deutschland arbeiten zu können. „Ich habe jetzt eine 90-Stunden-Woche. Das ist einfach barbarisch und ich weiß nicht, wie lange ich das noch durchhalte. Irgendwann breche ich sicherlich zusammen”, klagt sie.

 

Wegen der miserablen Arbeitsbedingungen, unwürdigen Gehälter und der Korruption kehren immer mehr junge Ärzte Bulgarien den Rücken, sagt der Migrationsforscher Bojan Zahariev vom Open Society Institute in Sofia. Von insgesamt 32.000 Ärzten in ganz Bulgarien gingen allein im vergangenen Jahr 600 ins Ausland, die meisten direkt nach dem Studium. Schon heute seien nur noch fünf Prozent aller Ärzte in Bulgarien unter 35 Jahre alt. „Bald gehen viele Mediziner in den Ruhestand. Die Frage ist, wer ihre Stellen besetzen wird. So gesehen können wir es uns nicht leisten, so viele junge Ärzte zu verlieren.” 2012 werden erstmals mehr Mediziner Bulgarien verlassen als ausgebildet werden, prognostiziert der Experte.

 

Hinzu kommt, dass bulgarische Ärzte zunehmend gezielt abgeworben werden. Auf der Job-Messe „Careers in White” im Sofioter Hotel Rodina haben ein Dutzend Personalunternehmen aus dem Bereich Medizin ihre Stände aufgebaut. Sie kommen aus Deutschland, Österreich, Großbritannien, Frankreich und anderen EU-Ländern. „Westeuropa sucht medizinischen Nachwuchs“, steht auf einem Flyer in bulgarischer Sprache. Einmal im Jahr treffen die Arbeitsvermittler hier auf auswanderungswillige Ärzte aus Bulgarien.

 

Deutsche Kliniken werben Bulgaren an

 

Das Interesse ist enorm, sagt Patrick Haberland. Der Personalberater aus Heidelberg hat 70 Bewerbungen erhalten, die er nun nach Deutschland bringen will. Er arbeitet im Auftrag von deutschen Kliniken auf dem Land, die händeringend Ärzte suchen. „Wenn bulgarische Ärzte bereit sind, in eine beliebige Region Deutschlands zu gehen, dann haben sie beste Job-Chancen“, wirbt der Personalberater.

 

Für Anelia Peeva könnte der Traum von einem Job in Deutschland bald in Erfüllung gehen. Eine Klinik in Niederbayern hat Interesse an der Ärztin bekundet. Vor dem Bewerbungsgespräch muss sie allerdings ein Deutsch-Zertifikat vorlegen: Stufe B2 für Fortgeschrittene. „Das wird nochmal eine riesige Anstrengung für mich, bei all der Belastung auf der Arbeit. Aber es ist die einzige vernünftige Lösung, und ich werde alles daran setzen, damit es klappt.“